'DE ROODE POORT' - LIEVEGEM

ARCHITECTUUR, INTERIEUR & LANDSCHAP
Bram Seghers and Inge Buyse

FOTOGRAFIE
Frederik Vercruysse Photographer

PUBLICATIES

Die Kleine Eiszeit in Architectural Digest

“A Fairy-Tale Castle in Belgium: The Architects' Version" on Remodelista

"Portrait of a House" on 'Est - Global Living with an Australian Twist'

  • When we stumbled upon a derelict manor house amidst an overgrown Victorian garden it was love at first sight. Determined to restore the house to its former glory, but also ensure its future existence, we developed a multi-functional plan enabling different layouts and uses in time. 


     

  • The existing chambers on the front of the old house were South orientated but lacked a view to the wonderful garden, pond and woods behind. The rooms on the back facade had a North orientation and little relation to the rooms in front of the house. Our design fills in the missing links but at the same time restores, preserves and strengthens the character of the house. By creating new subtle openings between the enclosed rooms we achieved a spatial layout that lets the sun shine through and adds views from front to back, side to side, room to room, into the garden and beyond...
     

  • ‘DIE KLEINE EISZEIT by Larissa Beham 


    Auf einem Landsitz in Flandern waren die Uhren stehen geblieben. So lange, bis ein Architektenpaar aus Gent kam, die Zeiger behutsam weiterdrehte und den abrissreifen Patchwork-Bau zurück in die Zukun führte.

    Manchmal ist der Mond schon am Tageshimmel zu sehen. Ein kühler Anblick, doch still, klar und vor allem seltsam versöhnlich: Geht die Sonne langsam unter, übernimmt ein anderes Gestirn das Firmament. Ein ähnliches Gefühl von Beruhigung stellt sich ein, wenn man „De Roode Poort“ betritt: Das über vierhundertjährige Anwesen liegt in einem Laubwald im ländlichen Flandern an der äußersten Peripherie der Stadt Gent. Im Vorgarten reckt ein riesiger Trompetenbaum seine bereien Äste in den opalfarbenen Himmel; die Fassade ist geprägt durch zwei ungleiche Spitzgiebel. Dahinter richtet sich ein kleiner Park mit exotischen Gehölzen auf das verschwiegene Rund eines Teichs aus, scheint förmlich darin versinken zu wollen.

    „Eine Enklave“, nennt Bram Seghers den alten Landsitz, den er mit seiner Frau Inge Buyse 2007 erwarb – und seitdem selbst umgebaut hat. Tatsächlich ist die Umgebung des Hauses typisch mitteleuropäisch zersiedelt, eine Landscha voller Einfamilienhausexperimente, mehr oder minder betagter Industriebauten und Felder, auf denen orangebraune Blättertüpfelchen zittern. Doch von all dem spürt man in „De Roode Poort“ nichts. Das Stück Erde scheint aus der Zeit gefallen zu sein. „Die meisten Leute denken wirklich, dass das Haus schon immer so aussah“, erzählt Buyse nicht ohne Stolz – denn Seghers und sie haben aus der abrissreifen Bausubstanz eine avantgardistische Variante des Mehrgenerationenhauses gemacht.

    Das Mammutunterfangen begann ganz harmlos auf einer Fahrradtour. Die beiden (sie lernten sich während des Architekturstudiums in Gent kennen und führen gemeinsam das Büro „Buyse Seghers“) entdeckten den vor sich hinsiechenden Bau und gerieten ins Schwärmen. Irgendwann wurde das Objekt dann zum Verkauf angeboten, doch niemand wollte die pittoreske Beinaheruine: „Der Blitz hatte eingeschlagen, der Regen el in Strömen durchs zerlöcherte Dach, die Eimer zum Auangen liefen über. Das ganze Haus war feucht und von Schimmelpilz befallen. An einigen Stellen konnte man vom Parterre bis ins oberste Stockwerk sehen!“, erinnert sich Bram Seghers. „Und im Keller stand ein halber Meter Wasser“, schmunzelt Buyse. Schließlich bemühten sich die beiden um den Kauf – und verhandelten dann doch fünf Monate lang mit einem halben Dutzend adliger Vorbesitzer. Als der Deal endlich perfekt war, fand sich das Paar vor der größten Herausforderung: der Neuauassung eines Bauwerks, das über Jahrhunderte hinweg gewachsen war.

    „Die Basis des Hauses stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Am Anfang stand da bloß eine Art Turm, aber es folgten immer mehr 
    Erweiterungen, die letzte im Jahr 1903.“ Architekturkennern oenbart die Fassade die „Narben“ dieser Baustadien, im Ganzen aber wirkt das Gebäude wie aus einem Guss. „Über jede einzelne aßnahme schien immer jemand gründlich nachgedacht zu haben. Diese Herangehensweise wollten wir beibehalten“, sagt Buyse. „Man muss ein Gespür entwickeln für ein Haus. Wenn man alles will, kann es passieren, dass man am Schluss gar nichts mehr hat.“ Und Seghers fährt fort: „Die Gartenansicht etwa zeichnet sich durch ihre massive Schwere aus. Deswegen haben wir die Fenster nur vergrößert, Türen kamen da nicht infrage.“ Die gibt es jetzt dafür an den anderen Hausseiten. Mit ihren großen Flügeln sehen sie aus, als seien sie schon immer hier gewesen.

    Mutig und umsichtig zugleich widmeten sich Buyse und Seghers historischen Details: Um mehr Licht zu schaen, versetzten sie Wände. Ein Kamin, der buchstäblich in Schutt und Asche lag, wurde teils restauriert, teils neu entworfen, ein alter Dielenboden aus einem Raum in einen anderen verlegt. Seiner vielen Flecken wegen erhielt er einen dunklen Anstrich, jetzt wirkt er erhaben und so, als läge er dort schon seit Jahrhunderten. Die reduziert möblierten Zimmer scheinen vor allem aus Rahmen, Flächen, Perspektiven zu bestehen. Hineingehauchte Pastelltöne – Mintgrün, Eierschale und Rauchgrau – verwandeln das Interior in Bilder, die an Magrittes Gemälde von Türen und Fenstern erinnern.

    Bei der Aueilung der Räume brachen Seghers und Buyse die Struktur jedoch in Gänze auf: Derzeit nutzen sie das Haus wie zwei Doppelhaushälen. Sie leben mit den beiden kleinen Söhnen Charles und Louis auf der einen Seite, Seghers’ Eltern auf der anderen. Kommt sein Bruder aus London zu Besuch, logiert er in einem separaten Apartment unterm Dach. Doch die Neukonzeption sieht noch andere Möglichkeiten vor: Es genügt mitunter, eine Tür zu schließen oder eine Trennwand aufzufalten, um eigenständige Wohnbereiche zu schaen – vorausgedacht auch für kommende Generationen. Genau in dieser Verbindung von Funktionalität und unsichtbarer Innovation liegt das Zeitgemäße in „De Roode Poort“. „Zu viele Architekten denken immer noch, sie müssten mit etwas ‚Neuem‘ aurumpfen. Für uns ist die Moderne längst Geschichte. Und vielleicht ist dieses Haus auch genau deshalb ein Statement, weil es nicht modern ist“, sinniert Seghers. „Wir denken bei unserer Arbeit an Licht, Raum und Flexibilität. An Funktionalität und Proportionen. Und nicht daran, dass die Leute sagen: ‚Ah, das ist neu!‘ Ich selbst glaube sowieso nicht an den Begri ‚Zeit‘ im Kontext von Architektur. Es gibt einfach bestimmte Erfordernisse, die einen Stil begründen. Insofern ist Architektur immer aus unserer Zeit, egal, welche Form sie annimmt.“

    Im Garten erönen sich zwischen botanischen Raritäten immer neue Blickachsen. Die uralten Bäume, etwa eine prächtige libanesische Zeder, waren entscheidend, als es darum ging, „De Roode Poort“ zu kaufen: „Manchmal ist das Nichtgebaute wichtiger als das Gebaute. Kein Menschenleben reicht, um solche Gestaltungselemente zu kreieren“, sagt Buyse. Jetzt im Winter, wenn sich der Schnee mondsichelweiß über laublose Äste, die Wiese und das Haus zieht und die zwischen Lichtblau, Zartgrau und Mintgrün changierende Fassade umrahmt, erreicht das Wasser im Teich einen Stand, bei dem es eine perfekte Spiegelung von „De Roode Poort“ zeigt. Auch das war natürlich wohldurchdacht. Und plötzlich erscheint auch sinnfällig, warum die Szenerie an die „Kleine Eiszeit“ in Virginia Woolfs Roman „Orlando“ erinnert. Denn die literarische Figur, die 300 Jahre hindurch in immer neuer Gestalt lebte, und „De Roode Poort“ haben eins gemeinsam: Sie sind, wie Inge Buyse sagt, „ein bisschen aus jeder Zeit“.

    Larissa Beham in AD Architectural Digest, December - Januari 2014

  • When we stumbled upon a derelict manor house amidst an overgrown Victorian garden it was love at first sight. Determined to restore the house to its former glory, but also ensure its future existence, we developed a multi-functional plan enabling different layouts and uses in time. 


     

  • The existing chambers on the front of the old house were South orientated but lacked a view to the wonderful garden, pond and woods behind. The rooms on the back facade had a North orientation and little relation to the rooms in front of the house. Our design fills in the missing links but at the same time restores, preserves and strengthens the character of the house. By creating new subtle openings between the enclosed rooms we achieved a spatial layout that lets the sun shine through and adds views from front to back, side to side, room to room, into the garden and beyond...
     

  • ‘DIE KLEINE EISZEIT by Larissa Beham 


    Auf einem Landsitz in Flandern waren die Uhren stehen geblieben. So lange, bis ein Architektenpaar aus Gent kam, die Zeiger behutsam weiterdrehte und den abrissreifen Patchwork-Bau zurück in die Zukun führte.

    Manchmal ist der Mond schon am Tageshimmel zu sehen. Ein kühler Anblick, doch still, klar und vor allem seltsam versöhnlich: Geht die Sonne langsam unter, übernimmt ein anderes Gestirn das Firmament. Ein ähnliches Gefühl von Beruhigung stellt sich ein, wenn man „De Roode Poort“ betritt: Das über vierhundertjährige Anwesen liegt in einem Laubwald im ländlichen Flandern an der äußersten Peripherie der Stadt Gent. Im Vorgarten reckt ein riesiger Trompetenbaum seine bereien Äste in den opalfarbenen Himmel; die Fassade ist geprägt durch zwei ungleiche Spitzgiebel. Dahinter richtet sich ein kleiner Park mit exotischen Gehölzen auf das verschwiegene Rund eines Teichs aus, scheint förmlich darin versinken zu wollen.

    „Eine Enklave“, nennt Bram Seghers den alten Landsitz, den er mit seiner Frau Inge Buyse 2007 erwarb – und seitdem selbst umgebaut hat. Tatsächlich ist die Umgebung des Hauses typisch mitteleuropäisch zersiedelt, eine Landscha voller Einfamilienhausexperimente, mehr oder minder betagter Industriebauten und Felder, auf denen orangebraune Blättertüpfelchen zittern. Doch von all dem spürt man in „De Roode Poort“ nichts. Das Stück Erde scheint aus der Zeit gefallen zu sein. „Die meisten Leute denken wirklich, dass das Haus schon immer so aussah“, erzählt Buyse nicht ohne Stolz – denn Seghers und sie haben aus der abrissreifen Bausubstanz eine avantgardistische Variante des Mehrgenerationenhauses gemacht.

    Das Mammutunterfangen begann ganz harmlos auf einer Fahrradtour. Die beiden (sie lernten sich während des Architekturstudiums in Gent kennen und führen gemeinsam das Büro „Buyse Seghers“) entdeckten den vor sich hinsiechenden Bau und gerieten ins Schwärmen. Irgendwann wurde das Objekt dann zum Verkauf angeboten, doch niemand wollte die pittoreske Beinaheruine: „Der Blitz hatte eingeschlagen, der Regen el in Strömen durchs zerlöcherte Dach, die Eimer zum Auangen liefen über. Das ganze Haus war feucht und von Schimmelpilz befallen. An einigen Stellen konnte man vom Parterre bis ins oberste Stockwerk sehen!“, erinnert sich Bram Seghers. „Und im Keller stand ein halber Meter Wasser“, schmunzelt Buyse. Schließlich bemühten sich die beiden um den Kauf – und verhandelten dann doch fünf Monate lang mit einem halben Dutzend adliger Vorbesitzer. Als der Deal endlich perfekt war, fand sich das Paar vor der größten Herausforderung: der Neuauassung eines Bauwerks, das über Jahrhunderte hinweg gewachsen war.

    „Die Basis des Hauses stammt aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Am Anfang stand da bloß eine Art Turm, aber es folgten immer mehr 
    Erweiterungen, die letzte im Jahr 1903.“ Architekturkennern oenbart die Fassade die „Narben“ dieser Baustadien, im Ganzen aber wirkt das Gebäude wie aus einem Guss. „Über jede einzelne aßnahme schien immer jemand gründlich nachgedacht zu haben. Diese Herangehensweise wollten wir beibehalten“, sagt Buyse. „Man muss ein Gespür entwickeln für ein Haus. Wenn man alles will, kann es passieren, dass man am Schluss gar nichts mehr hat.“ Und Seghers fährt fort: „Die Gartenansicht etwa zeichnet sich durch ihre massive Schwere aus. Deswegen haben wir die Fenster nur vergrößert, Türen kamen da nicht infrage.“ Die gibt es jetzt dafür an den anderen Hausseiten. Mit ihren großen Flügeln sehen sie aus, als seien sie schon immer hier gewesen.

    Mutig und umsichtig zugleich widmeten sich Buyse und Seghers historischen Details: Um mehr Licht zu schaen, versetzten sie Wände. Ein Kamin, der buchstäblich in Schutt und Asche lag, wurde teils restauriert, teils neu entworfen, ein alter Dielenboden aus einem Raum in einen anderen verlegt. Seiner vielen Flecken wegen erhielt er einen dunklen Anstrich, jetzt wirkt er erhaben und so, als läge er dort schon seit Jahrhunderten. Die reduziert möblierten Zimmer scheinen vor allem aus Rahmen, Flächen, Perspektiven zu bestehen. Hineingehauchte Pastelltöne – Mintgrün, Eierschale und Rauchgrau – verwandeln das Interior in Bilder, die an Magrittes Gemälde von Türen und Fenstern erinnern.

    Bei der Aueilung der Räume brachen Seghers und Buyse die Struktur jedoch in Gänze auf: Derzeit nutzen sie das Haus wie zwei Doppelhaushälen. Sie leben mit den beiden kleinen Söhnen Charles und Louis auf der einen Seite, Seghers’ Eltern auf der anderen. Kommt sein Bruder aus London zu Besuch, logiert er in einem separaten Apartment unterm Dach. Doch die Neukonzeption sieht noch andere Möglichkeiten vor: Es genügt mitunter, eine Tür zu schließen oder eine Trennwand aufzufalten, um eigenständige Wohnbereiche zu schaen – vorausgedacht auch für kommende Generationen. Genau in dieser Verbindung von Funktionalität und unsichtbarer Innovation liegt das Zeitgemäße in „De Roode Poort“. „Zu viele Architekten denken immer noch, sie müssten mit etwas ‚Neuem‘ aurumpfen. Für uns ist die Moderne längst Geschichte. Und vielleicht ist dieses Haus auch genau deshalb ein Statement, weil es nicht modern ist“, sinniert Seghers. „Wir denken bei unserer Arbeit an Licht, Raum und Flexibilität. An Funktionalität und Proportionen. Und nicht daran, dass die Leute sagen: ‚Ah, das ist neu!‘ Ich selbst glaube sowieso nicht an den Begri ‚Zeit‘ im Kontext von Architektur. Es gibt einfach bestimmte Erfordernisse, die einen Stil begründen. Insofern ist Architektur immer aus unserer Zeit, egal, welche Form sie annimmt.“

    Im Garten erönen sich zwischen botanischen Raritäten immer neue Blickachsen. Die uralten Bäume, etwa eine prächtige libanesische Zeder, waren entscheidend, als es darum ging, „De Roode Poort“ zu kaufen: „Manchmal ist das Nichtgebaute wichtiger als das Gebaute. Kein Menschenleben reicht, um solche Gestaltungselemente zu kreieren“, sagt Buyse. Jetzt im Winter, wenn sich der Schnee mondsichelweiß über laublose Äste, die Wiese und das Haus zieht und die zwischen Lichtblau, Zartgrau und Mintgrün changierende Fassade umrahmt, erreicht das Wasser im Teich einen Stand, bei dem es eine perfekte Spiegelung von „De Roode Poort“ zeigt. Auch das war natürlich wohldurchdacht. Und plötzlich erscheint auch sinnfällig, warum die Szenerie an die „Kleine Eiszeit“ in Virginia Woolfs Roman „Orlando“ erinnert. Denn die literarische Figur, die 300 Jahre hindurch in immer neuer Gestalt lebte, und „De Roode Poort“ haben eins gemeinsam: Sie sind, wie Inge Buyse sagt, „ein bisschen aus jeder Zeit“.

    Larissa Beham in AD Architectural Digest, December - Januari 2014